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cd präsentation sonny ll von Noël Akchoté anläßlich der cd-shop eröffnung

live am 5.11.2004, ab19.00

eröffnung des cd-shops - sonny ll - hörbeispiele

eröffnung des cd-shops
nach zweieinhalb jahren galerie-tätigkeit hat sich der kreis geschlossen und der ton gesellte sich zur art. der cd-shop der galerie tonART music & fine arts mit den schwerpunkten jazz-avantgarde, folklore, elektronische musik und eckbereiche der klassik - im besonderen musik aus dem barock, der renaissance, des 20. jahrhunderts und der gegenwart - wurde mit der live-präsentation der neuen cd sonny ll von Noël Akchoté eröffnet.

noel akchote über seine neue cd sonny ll
Warum der Titel »Sonny ll«? – Warum nicht »Auch Sonny«, »Sonny der Zweite«, »Nochmal Sonny«, »Endlich Sonny!« oder einfach nur »Sonny 2«? Die Antwort ist ganz einfach, es handelt sich um die zweite Aufnahmesession in einer langen Reihe von Aufnahmesitzungen, die bis zum Beginn von Nummer V reichten. Dazu kamen noch einige Siderecordings, so daß sich die gesamte Einspielung des Albums etwa über ein Jahr erstreckte. Um den Anfängen dieser Idee näherzukommen, muß man 20 Jahre zurückgehen: Musik von Sonny Sharrock zu spielen ist für mich wie für andere die gründliche Auseinandersetzung mit Gesualdo, den Shaggs, den Kansas City Five oder Bartok, der etliche seiner eigenen Klavierstücke eingespielt hat. Vor allem aber möchte ich mit dieser Aufnahme mein ureigenstes Verständnis, meine Vorstellungen von der Musik Sharrocks, wie ich sie schon immer hatte, darlegen. Ich würde es niemals wagen, zu sagen, daß dies Sharrock selbst ist, daß dies die alleinige Wahrheit über seine Musik ist oder endgültig wäre. Ich habe Sonny Sharrock stets auch als Komponisten gesehen und gehört, als einen Komponisten der Kraft, Bewegung und Gestik. Durch seinen Stil kam es zu einem Umbruch, denn die Gitarre war nicht mehr nur ein Objekt, ein Werkzeug. Ich erinnere mich noch sehr gut an ein Konzert in Paris gegen Ende der achtziger Jahre, Sharrock hatte den Mund voller Gitarrenpicks. Keines dieser kleinen Teile "lebte" länger als eine Minute. Sie flogen durch die Luft, Sharrock hielt andere bereit und nahm dann ein neues aus seinem Mund. Diese kleinen Plastikteile, mit denen die Seiten gezupft werden, zersplitterten in tausend Teile, zerbarsten richtiggehend durch den Druck. Am Ende des Konzerts machte ich mich daran, die Stücke aufzusammeln. Ich habe immer eine kleine Tasche bei mir mit diesen Fundstücken und jedes dieser veränderten und gebrochenen Picks enthielt einen Teil seines Spiels. Man fühlte sich dadurch Sharrocks Bewegung sehr nahe, wie wenn man im Atelier eines berühmten Malers noch dessen Gegenwart spürt. Von diesen Gitarrenpicks habe ich die unterschiedlichsten Formen; es gibt in der Mitte durchgebrochene, an den Ecken abgesplitterte oder in vier oder fünf Teile zerbrochene - sie alle legen eine Spur zurück zu Sharrocks Energie. In diesen winzigen Objekten ist das Echo seiner Musik erhalten geblieben. Maler gehen in den Louvre, um die Meister zu kopieren, solange bis sich auf der Leinwand plötzlich ein eigener Bildentwurf herauszukristallisieren beginnt, das Model sich in ein Thema, eine Bewegung oder gar eine Vision verwandelt. Im Grunde stellt sich die Frage also nicht nach der Kopie, sondern nach der Rückkehr zu etwas, das ein Neubeginn wird, ein Ausgangspunkt zu dem man zurückkehren, sich aber auch wieder entfernen kann. Mit 14 Jahren war ich ständig mit der Spieltechnik des Instruments an sich beschäftigt und damit konfrontiert, wie ich alles in den Griff bekommen sollte. Wie nimmt man den Gitarrenpick, wie hält man die Finger. Es gab viele, unterschiedliche Vorbilder für mich, an denen ich mich orientieren konnte (von Freddie Green bis Tal Farlow und von Jimmy Gourley bis BB King) und eines Tages stieß ich in einem Plattenladen auf eine LP mit dem Titel "Monkey-Pockie-Boo". Auf der Vorderseite der Platte war ein großer afro-amerikanischer Gitarrist mit seiner Frau Linda abgebildet und er hielt seine Gitarre, wie ich es im Leben zuvor noch nie gesehen hatte. Noch nie hatte ich einen Musiker so dieses Instrument halten sehen. In den Händen von Sharrock schien die Gitarre in diesem Moment auf ein Stück Holz und etwas Draht reduziert. Das war nicht vergleichbar mit Jimi Hendrix oder T-Bone Walker, sondern etwas ganz Anderes. Ich war mir sofort ganz sicher, daß noch kein Lehrbuch oder keine Methode darüber Auskunft geben konnte. Ich war mir auch bewußt, daß niedergeschriebene Kompositionen keinen Hinweis auf die persönliche Ausführung eines Interpreten enthalten mußten. Daß in den Noten nicht der Ton, die Bewegungen, der individuelle Klang erfaßt sein konnten (man höre Bud Powell wie er Bach spielt). Sofort habe ich mich daran gemacht, mein Zimmer mit Abbildungen von Gitarristen und ihren ganz eigenen Handhaltungen zu tapezieren. Jim Hall hielt seine Gitarre auf diese Weise, Charlie Christian griff sie im Sitzen so, Al Casey, Pat Martino und Derek Bailey hatten eine wieder ganz andere Haltung. Wer man selbst ist, ist bis zum eigenen Debut eigentlich ein Rätsel. Und ich muß immer wieder darauf zurückkommen. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen und jetzt fühle ich mich bereit, davon zu erzählen. Ich bin wieder zu meinem eigenen Anfang zurückgekehrt und habe begonnen, alle Platten von Sonny Sharrock zu suchen. Schließlich habe ich mir alles vom Ende der sechziger Jahre bis zur letzten Aufnahme angehört und all diese Tondokumente sagen mir immer wieder dasselbe über sein Spiel: was er gemacht hat, geht weit über Können und technische Fertigkeit hinaus. Also ein Mysterium? Vielleicht! Eine Sache spüre ich intuitiv: Sharrock ist der einzige Free Jazz Gitarrist und wird auch immer der einzige bleiben. Warum? Weil niemand außer ihm es gewagt hat, sich so zu befreien. Alles an ihm war grenzüberschreitend, explosiv, extrem, ohne einen Funken von Konvention. Die Finger sind nicht schnell genug? Sonny würde den Steg von oben nach unten, von vorne und von hinten und von sonst allen Seiten bearbeiten, ohne Komplex, aber auch ohne jede Selbstgefälligkeit. Kürzlich habe ich mir die Internetseite des französischen Gitarristen Marc Ribot angesehen und eine Menge Fotoaufnahmen entdeckt, wo er bei fast jedem Konzert mit einem anderen Instrument abgebildet war und mir war sofort klar, worauf er hinaus wollte. Wer noch nicht all diese alten akustischen Gitarren von Hofner, Harmony oder Silvertone gespielt hat, versteht nicht. Es ist eine körperliche Erfahrung jenseits einer Erklärungsmöglichkeit. Neulich spielte ich bei einem Konzert auf einer alten Gibson ES-175-D fast rein akustisch. In der Pause kam der Gitarrist Vernon Reid zu mir und sein erster Satz klingt mir noch heute in den Ohren: "Diese alten Instrumente sind so schön zu spielen, aber in ihnen steckt zu viel Geschichte." Ehrlich gesagt, bin ich noch auf der Suche nach dieser Geschichte, die mir manchmal wie ein Phantom im Holz erscheint. Und je mehr ich darüber zu sprechen versuche, desto mehr stoße ich mit den Erklärungen an Grenzen. Im Grunde ist es ein Stück Holz mit darüber gespannten Saiten. Und das ist auch der Grund, weshalb ich mich entschlossen habe, nicht mehr nur darüber zu reden, sondern in Wien ins Studio gegangen bin, um diese Musik von Sonny Sharrock aufzunehmen. Tag für Tag, Stück für Stück, immer wieder. Insgesamt etwa 30 Originalstücke, die mir beim Abspielen manchmal so vorkamen als ob ich es selbst nicht sei. Ich wollte diese Musik hören, herausfinden, ob auch andere hören, was ich höre. Nämlich dass vermeintliche Fehler keine Fehler sind, sondern offene Fenster zu diesem einmaligen Musiker und seinem Instrument. Falsch ist richtig, weniger ist mehr und das hier ist, wie Sonny Sharrock meine Ohren und Gesten verändert hat.

Hörbeispiele (alle mp3 128 kbp/s, je 1 minute 30, ca.1,4 mb)
melvins
gary´s step melvins gary´s step
there is a mountain freddie freeloader [false start] there is a mountain
joe freddie freeloader [false start] joe